[6] Pfote
Schnell huschten die beiden Löwen über die Straße. Das Schild hing an einem Haus, das einen großen Eingang mit einem seltsam aussehenden Metalgestänge hatte. Zwischen dem Metal war etwas, doch was, das konnte weder Kira noch Kyuti erkennen. Vorsichtig berührte Kyuti das Ding mit der Pfote. Es war eine Wand, kühl und glatt, aber gleichzeitig durchsichtig. Er sah zu Kira. Sie nickte. Sachte drückte Kyuti gegen das Metal. An einer Seite war das Gestänge nicht mit einander verbunden und schwang wie eine Tür auf. Dahinter war es stockdunkel. Langsam schlichen sie eine Treppe hinauf. Der Boden fühlte sich seltsam unter ihren Pfoten an, weich wie ein Fell. Kira bückte sich und strich mit den Pfotenspitzen darüber. „Seltsam...es fühlt sich an wie Fell, aber es ist keines. Jedenfalls keines von einem Tier.“ Kyuti knurrte. „Wände, die man nicht sehen kann. Fell, das keines ist. Grollende Lichter. Langsam reicht es mir hier.“ Dann hörten sie Stimmen. Und weiter entfernt, am Ende des Ganges, schimmerte schwaches Licht. Leise schlichen sie vorwärts.
Timo hasste Dienstage. Die ganze Partystimmung des Wochenendes war verflogen und alles war wieder normal. Und langweilig. Und zugemüllt. Missmutig streifte er mit einem Müllbeutel durch den Paw Club und sammelte Müll auf, den die Partygäste am Wochenende hatten fallen lassen. Immerhin war er nicht allein. Sera, seine Freundin, Djane und Mitbesitzerin des Paw Clubs, wischte gerade die Tanzfläche. Timo lächelte, als er sie sah. Seit einem halben Jahr betrieben sie den Paw Club nun. Bisher hatten sie zwar ein wenig mit den Besucherzahlen zu kämpfen gehabt, aber es reichte um über die Runden zu kommen. Wenn alles nunmal vorher sauber gemacht wurde.
Wieder bückte sich Timo nach einer leeren Coladose. Dienstags war der Paw Club geschlossen, deswegen sollte außer ihm und Sera niemand hier sein.
Umso überraschter war Timo, als er die Frage hörte.
„Entschuldigen sie, können sie uns sagen, wo wir hier sind ?“
Kyuti war aus dem Gang in einen großen Raum getreten, Kira direkt hinter ihm. Ehrfürchtig sahen sie sich um. Der Raum war dekoriert wie ein Urwald, mit Tropenbäumen, Lianen......nur die große Fläche in der Mitte störte das Bild ein wenig. Dort stand eines der Wesen, die sie vorhin schon einmal gesehen hatten und wischte den Boden. Also räusperte sich der Junge Prinz und stellte seine Frage. „Entschuldigen sie, können sie uns sagen, wo wir hier sind ?“
Das Wesen wirbelte herum und starrte die beiden Löwen an. Aber auch neben sich vernahm Kyuti ein überraschtes Keuchen und sah noch eines der Wesen mit einem großen Beutel in der Hand. „Was zum Geier seid ihr denn für welche?“ fragte das Wesen mit dem Beutel. Es trug ein rotes Oberteil, das beide Arme bedeckte. Dazu eine lange dunkelblaue Hose und seltsam aussehende, schwarz-weiße Dinger an seinen Füßen. „Was meinen sie?“ fragte nun Kira zögerlich und trat ein wenig hinter Kyuti hervor. Ihr Schweif wedelte und traf dabei immer wieder auf seinen. Das Wesen kam zögerlich ein paar Schritte näher. „Ihr seid keine Menschen, so viel ist sicher...“ sagte es. Gleichzeitg kam auch das Wesen von unten herauf. Es trug einen kurzen Rock und ebenfalls diese Dinger an den Füßen. Das lange Haar und die Wölbung unter dem kurzärmeligen, grünen Oberteil bestätigten Kyutis Vermutung, dass dies ein Weibchen war. Auch klang ihre Stimme ziemlich weiblich. „Ihr seht aus wie...wie Katzen“ sagte sie und schob sich an Kyuti vorbei, der ihr respektvoll Platz machte. Nicht dass er Angst gehabt hätte, aber er wollte auf jeden Fall höflich sein. Neben ihm nickte Kira. „So ähnlich. Wir sind Löwen. Ich bin Kira und das ist Kyuti“ sagte sie und stand nun vor ihm. Allerdings hielt sie seine Pfote fest umklammert. Kyuti schnurrte zustimmend, musste aber feststellen dass die Beiden vor ihm bei dem Geräusch zurück wichen. „Warum knurrt der uns an? Wir haben euch nichts getan“ sagte das Weibchen und beäugte Kyuti ängstlich. Er neigte den Kopf. „Entschuldigung. Bei uns ist das ein Zeichen von Unterstützung oder Beifall, wenn man schnurrt.“ Das Männchen staunte. „Wow, ihr seid also wirklich sprechende, aufrecht gehende Katzen? Krass!“ Dann fiel sein Blick auf Kyutis Schwert. „Alter, du hast aber nicht vor das Teil hier zu benutzen, oder?“ Er deutete auf die Klinge. Kyuti witterte die Furcht seines Gegenübers. „Solange mich niemand attackiert, sehe ich keinen Grund, mein Schwert zu zücken“ sagte er bedächtig. Kira lächelte die beiden freundlich an. „Könnt ihr uns sagen, wo wir hier sind? Und wer ihr seid?“ Die beiden schauten sich an. Dann streckte der Mann einen Arm aus und hielt Kyuti seine Hand hin. „Ich bin Timo. Schön euch kennen zu lernen.“ Kyuti sah auf die Hand, überlegte kurz und schüttelte sie dann. Sie fühlte sich merkwürdig an, ganz ohne Fell oder Pfotenballen.
Die Frau war ein wenig direkter, sie ging auf Kira zu und umarmte sie kurz, was der Löwin ein leises, überraschtes Schnurren entlockte. „Und ich bin Sera. Willkommen im Paw Club.“ Sie löste sich von Kira und sah Kyuti an. Wie es ihm beigebracht wurde, nahm er ihre Hand und führte sie zu einem Pfotenkuss an seine Schnauze. Sera kicherte und wurde auf einmal ganz rot im Gesicht.